Die Unternehmer Gerhard Andrey von den Grünen und Sandra Sollberger von der SVP trennen Welten – und Werte.

Christoph Bernet Bei ihm gibt es vier Wochen bezahlt. Bei ihr lediglich einen Tag. Beim Vaterschaftsurlaub ticken der Grüne Gerhard Andrey (44) und Sandra Sollberger (46) von der SVP nicht nur politisch sehr unterschiedlich. Auch als Unternehmer handhaben sie es ganz anders, wenn einer ihrer Angestellten Vater eines Kindes wird. Die Gründe dafür sind nicht nur die unterschiedlichen Voraussetzungen in den Branchen, in der ihre Firmen tätig sind. Andreys Unternehmen Liip AG ist in der IT aktiv. User-Experie nce, Suchmaschinenoptimierung, Development, digitale Transformation: Die Firmenwebsite tönt wie ein Wörterbuch der anbrechenden 2020er-Jahre. Liip hat an sechs Standorten insgesamt 175 Mitarbeitende. Sandra Sollberger führt mit ihrem Mann Simeon zusammen einen Malerbetrieb in Bubendorf BL mit 14 Mitarbeitenden. Gegründet 1956 von Simeons Grossvater, legt die Maler Sollberger AG Wert auf «sauber ausgeführte Malerarbeiten zu vernünftigen Preisen» und zeigt sich stolz über die 27 Malerinnen und Maler, die seit 1972 im Betrieb das Fähigkeitszeugnis erworben haben. Was die beiden Unternehmer und Politiker beim Vaterschaftsurlaub noch stärker trennt, ist ihre unterschiedliche Weltanschauung. Die Webagentur Liip sollte von Anfang an ein «zeitgenössischer Arbeitgeber» sein, wie es der Grüne Gerhard Andrey ausdrückt. Auch wenn die vier Mitgründer – drei Männer, eine Frau – bei der Gründung alle noch kinderlos waren: «Wir wussten, dass wir eines Tages nach der Geburt Zeit für unsere Kindern haben wollten.» Und so bietet Liip den Vätern vier Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub. Wer Ansprüche unter einen Hut bringt, ist zufrieden 76-mal wurde der Vaterschaftsurlaub bei Liip unterdessen beansprucht, erzählt Andrey stolz: «Er hat einen konkreten, positiven Effekt auf die Gleichstellung, wenn sich die Väter von Anfang aktiv am neuen Familienleben beteiligen.» Kurz nach der Geburt handle jede Familie die Aufgabenteilung neu aus: «Wenn der Vater gerade zu Beginn nicht zu Hause sein kann, ist es einfach, in traditionelle Rollenbilder zurückzufallen.» Nach der Geburt eines Kindes reduzierten die meisten Väter bei Liip ihr Pensum. Über die Hälfte der Mitarbeitenden arbeitet mittlerweile Teilzeit, ohne Unterschied mehr zwischen den Geschlechtern. Damit trage der vierwöchige Urlaub der Liip-Väter dazu bei, dass deren Partnerinnen ein substanzielles Pensum arbeiten können, ist Andrey überzeugt. Das wäre auch beim zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub so: «Er ist eine substanzielle Verbesserung und ein wichtiger erster Schritt hin zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, wie es die Verfassung verlangt.» Die damit verbundenen betrieblichen Herausforderungen empfinde er nicht als Belastung: «Der Vaterschaftsurlaub ist eine Absenz wie viele andere und für jeden Betrieb problemlos bewältigbar.» Eine gesetzliche Regelung verhindere, dass er ein Privileg von Arbeitstätigen in sogenannten «Hipster-Berufen» bleibe, sagt Andrey, der vor dem Ingenieurstudium eine Schreinerlehre absolviert hat. Arbeitgeber profitierten von zufriedenen Mitarbeitern: «Wer private und berufliche Ansprüche unter einen Hut bringen kann, ist nicht nur zufriedener, sondern auch leistungsfähiger.» «Wir sind ein familiärer Betrieb und ermöglichen unseren Mitarbeitenden eine Flexibilität, die bei grösseren Firmen nicht möglich ist», sagt Sandra Sollberger. Letztes Jahr sei einer ihrer Maler Vater geworden: «Er konnte so viel unbezahlten Urlaub nehmen, wie er wollte.» Doch auch den kinderlosen Angestellten komme die Maler Sollberger AG entgegen: «Wir haben junge Mitarbeitende, die gerne mal lange Reisen machen und dafür unbezahlten Urlaub nehmen. Das ist kein Problem.» «Eine Familie zu haben, bedeutet Verzicht» Doch von einem gesetzlich vorgeschriebenen bezahlten Vaterschaftsurlaub will sie nichts wissen. Auch der junge Vater im Betrieb lehne diesen ab: «Warum soll der Kollege, der keine Kinder haben möchte, für meinen Vaterschaftsurlaub bezahlen?» Ihre eigene Ansicht zum Vaterschaftsurlaub sei nicht nur die der Unternehmerin: «Selbstverständlich spielt mein Mamisein hier mit rein», sagt die Mutter einer 23-jährigen Tochter und eines 20-jährigen Sohns. Die ersten sechs Monate seien nicht die Zeit im Leben der Kinder, bei denen es beide Eltern am meisten brauche: «Wer das glaubt, hat das Elternsein nicht verstanden.» Sie möge es aber jedem Vater gönnen, der die Möglichkeit habe, am Anfang Zeit mit seinem neugeborenen Kind zu verbringen. Kein Unternehmen werde einem verdienten Mitarbeiter diesen Wunsch verweigern. Doch dafür genügten individuelle Lösungen. Es sei schlicht nicht die Aufgabe der Allgemeinheit, dieses «neue Sozialwerk zu finanzieren, das nur einer kleiner Minderheit zugutekommt». Wenn Väter nach der Geburt bei ihren Kindern sein wollten, könnten sie Ferien nehmen: «Eine Familie zu haben, ist das Schönste der Welt. Aber dazu gehört der Verzicht in anderen Bereichen.» Als Unternehmerin mache sie sich Sorgen über die jährlichen Kosten von 230 Millionen, die der Vaterschaftsurlaub und die steigenden Lohnnebenkosten verursachen: «In Zeiten, wo die anderen Sozialwerke defizitär sind, lassen sich diese neuen Ausgaben nicht verantworten.»

Der Vaterschaftsurlaub kommt an die Urne

Am 27. September wird über einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub abgestimmt. Die Vorlage ist ein indirekter Gegenvorschlag des Parlaments zur Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub, welche zurückgezogen wurde. Bei einem Ja erhalten die Väter bei der Geburt ihres Kindes 14 Tage bezahlten Urlaub, zu beziehen während der ersten sechs Lebensmonate des Kindes. Die Kosten von jährlich 230 Millionen sollen über die Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert werden. Der EO-Beitragssatz würde von 0,45 auf 0,5 Prozent erhöht. (cbe)