NZZ, 26. August 2020

Es geht vor allem um Symbolik. Die Vorlage zur staatlichen Versicherung für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ist in sich selbst ein zu kleiner Schritt, als dass man grosse Wirkungen erwarten könnte. Sie bringt nicht viel: vor allem zwei Wochen bezahlte Ferien für Jungväter zulasten von Dritten, da es für Betroffene heutzutage offenbar unzumutbar ist, für die Geburt des eigenen Kindes einige Wochen Ferien zu investieren. Im Gegenzug kostet die Vorlage auch nicht die Welt. Der Bundesrat veranschlagt die direkten Kosten auf etwa 230 Mio. Fr. pro Jahr.

Die geplante Finanzierung durch Lohnprozente ist für manche Befürworter attraktiv. Sie führt zu einer versteckten Umverteilung von oben nach unten, da die Beiträge für jede Lohnhöhe gelten, die Leistungen aber begrenzt sind. Zudem erscheinen die direkten Kosten in Lohnprozenten als bescheiden; laut Bund geht es um etwa 0,06 Lohnprozente, was bei einem mittleren Jahreslohn von knapp 80 000 Fr. rund 50 Fr. ausmacht. Von den indirekten Kosten in Form organisatorischer Anpassungen der Firmen spricht ohnehin niemand, ausser ein paar kritische Gewerbevertreter. Und diese Kosten sind noch besser versteckt als die direkten Aufwände.

Die erste Salamischeibe

Wer der Vorlage grosse Bedeutung beimessen will, kann dies vor allem auf zwei Arten tun. Man spricht über Philosophisches – über die Frage, wie weit die Selbstverantwortung der Eltern noch gehen soll und wie viel diese an die Allgemeinheit abschieben sollen. Oder man ortet die Vorlage als Beginn einer Salamitaktik, die früher oder später in eine massive Ausdehnung führen wird. An Forderungen danach fehlt es nicht. So hatte etwa die Eidgenössische Kommission für Familienfragen 2018 anstelle der geltenden Mutterschaftsversicherung von 14 Wochen eine Elternzeit von total 38 Wochen vorgeschlagen. Die Grünliberalen haben diese Woche je 14 Wochen für Mütter und Väter gefordert, was einer Versiebenfachung des nun zur Diskussion stehenden Vaterschaftsurlaubs entspräche. Und eine angekündigte Volksinitiative verlangt eine bezahlte Elternzeit von insgesamt 30 Wochen.

Bei solchen Vorschlägen wäre nicht nur mit direkten Kosten in Milliardenhöhe und zusätzlichen Anpassungskosten vor allem für kleinere Betriebe zu rechnen, sondern auch eher mit sichtbaren Folgen am Arbeitsmarkt. Ein oft deklarierter Nutzen staatlicher Elternversicherungen ist die (erhoffte) Steigerung der Erwerbstätigkeit der Frauen. Theoretisch war der Fall schon bei der traditionellen Mutterschaftsversicherung unklar: Arbeitgeber müssen einerseits mit längeren Abwesenheiten und höheren Kosten rechnen, doch anderseits kann die verstärkte Aussicht auf eine Rückkehr der Jungmütter nach dem Urlaub an den angestammten Arbeitsplatz die Firmen vermehrt dazu animieren, in die Karriereentwicklung der Frauen zu investieren.

Blick nach Skandinavien

Die Lohnnebenkosten für den Arbeitgeber sind zu relativieren. Gemäss der Forschungsliteratur überwälzen Firmen die Arbeitgeberanteile von Lohnabzügen mittelfristig möglichst auf die Angestellten – indem die Löhne weniger steigen, als sie sonst steigen würden. Die Bandbreite typischer Schätzungen der Uberwälzungsquote reicht von etwa 40 bis gegen 100%. Den Rest zahlen die Konsumenten (höhere Preise) und die Arbeitgeber (tiefere Gewinne). Solche Kosten sind dem erhofften Nutzen des Elternurlaubs gegenüberzustellen.

Die Erwerbsquote der Frauen in der Schweiz ist weltweit eine der höchsten – trotz relativ kurzem Mutterschaftsurlaub. Das sagt für sich allein noch wenig über die Wirkung solcher Staatsmittel aus. In den letzten Jahrzehnten ist eine breite internationale Forschungsliteratur zu den Folgen staatlicher Elternurlaube für den Arbeitsmarkt entstanden. Zu den vielzitierten früheren Studien zählt etwa eine Analyse von 1998 über 16 europäische Länder. Diese kam zum Schluss, dass staatliche Mutterschaftsversicherungen die Erwerbsbeteiligung der Frauen steigerten, doch im Gegenzug ortete die Analyse Anzeichen für eine Reduktion der relativen Löhne der Frauen im Vergleich zu den Männern. Laut einer Studie von 2010 senkte der Mutterschaftsurlaub in Schweden die späteren Erwerbseinkommen der Frauen, während der Vaterschaftsurlaub die späteren Erwerbseinkommen der Männer drückte, aber jene der Frauen erhöhte. Schweden hatte 2002 den minimalen Vaterschaftsurlaub von einem Monat auf zwei Monate erhöht. Zwei Studien zum Effekt auf das längerfristige Engagement der Väter in der Kinderbetreuung kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Auch Analysen zum 1993 eingeführten Vaterschaftsurlaub von vier Wochen in Norwegen kamen zu uneinheitlichen Ergebnissen. Laut einem Papier von 2013 hatten die Jungväter auch noch fünf Jahre nach der Geburt ihres Kindes Einbussen beim Erwerbseinkommen zu verzeichnen. Eine Untersuchung von 2015 ortete derweil keinen Effekt bezüglich Arbeitszeit und Erwerbseinkommen bei den Jungvätern. Die Studie entdeckte auch keine Änderung in der Aufteilung der Kinderbetreuung zwischen Müttern und Vätern, sah aber dennoch Anzeichen für eine längerfristige Verbesserung der Schulleistung der Kinder in jenen Familien, in denen der Vater die höhere Ausbildung hatte als die Mutter. Eine Studie von 2019 über das in Deutschland 2007 eingeführte Elterngeld ortete eine erhebliche Benutzung durch die Väter, aber die Reform habe an den typischen Geschlechtermustern kaum etwas geändert.

Höhere Erwerbsbeteiligung

Viele weitere Analysen nahmen die Folgen staatlicher Elternversicherungen unter die Lupe. Die Ergebnisse sind zum Teil uneinheitlich, doch zwei Tendenzaussagen dazu seien hier gewagt. Erstens: Bezahlte Elternurlaube bis zu einem gewissen Zeitraum steigern in der Regel die Erwerbsbeteiligung der Mütter, solange der Urlaub nicht zu lange dauert; je nach Untersuchung mögen die negativen Beschäftigungseffekte nach Abwesenheiten ab einem, zwei oder drei Jahren überwiegen. Zweitens: Elternurlaube fördern die Entwicklung der Kinder, doch gewisse Studien orteten bei Ausdehnungen der Urlaube keine zusätzlichen positiven Effekte mehr. Was all dies unter dem Strich für die Einführung des Schweizer Vaterschaftsurlaubs und für kommende Forderungen nach dessen Ausbau heisst, ist nicht so klar. Die Forschungsliteratur zum Arbeitsmarkt lässt mutmassen, dass für manche Bürger die entscheidenden Argumente für oder gegen die Vorlage anderswo liegen.