Weltwoche, 03. September 2020

Sechs Gründe, warum es den bezahlten Vaterschaftsurlaub nicht braucht.

Von Katharina Fontana

Der staatlich gesponserte Vaterschaftsurlaub scheint nur noch schwer aufzuhalten zu sein. Eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer, so erfährt man aus Umfragen, will Ende September ja sagen zu zwei Wochen bezahlten Papi-Ferien. Die Argumente sind mehr oder weniger immer dieselben: Es sei jetzt einfach Zeit dafür, zwei Wochen könne man den Vätern doch gönnen, die Schweiz gehe ohnehin knausrig mit den Familien um, und es habe irgendwie auch mit Gleichstellung zu tun. All diese Begründungen sind äusserst dürftig.

Erstens gibt es schlicht keine Erklärung dafür, warum ein Vater bei der Geburt seines Kindes nicht Ferien beziehen kann. Es steht ihm niemand vor dem Glück, dies zu tun; schliesslich weiss er ein paar Monate im Voraus, was auf ihn zukommt. Oder ist das Baby nur dann Ferien wert, wenn jemand anderes dafür zahlt?

Zweitens ist es wahnwitzig, eine neue Lifestyle-Sozialversicherung einzuführen, wenn man gleichzeitig nicht weiss, wie man die Altersvorsorge vor dem Absturz retten will. Sind die Schweizer einfach etwas nonchalant geworden und sagen sich, auf die 230 Millionen Franken jährlich für den Vaterschaftsurlaub komme es jetzt auch nicht mehr an?

Noch ärgerlicher als die Geldverschleuderung ist, drittens, der belehrende Ansatz: Die Papi-Zeit sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft, und man müsse die Jungväter bei ihrer Rollenfindung unterstützen. Vielleicht sollte man wieder einmal darauf hinweisen, dass wir in einem liberalen Staat leben. Da braucht es keine Beeinflussungen von oben, was zeitgemäss sei und das Beste für die Familien. Überhaupt sollte man Vorlagen mit erzieherischem Anspruch ablehnen, und zwar aus Prinzip – es ist eine Frage der Würde, sich vom Staat nicht manipulieren und infantilisieren zu lassen.

Geradezu komisch ist, viertens, die Begründung, dass zwei Wochen Papi-Zeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichterten und die Gleichstellung der Frauen voranbrächten. Für berufstätige Mütter tönt das wie ein Witz, denn sie wissen, worauf es tatsächlich ankommt: dass man sich den richtigen Mann aussucht. Einen, der bei der Kinderbetreuung mithilft und sich zu Hause engagiert – nicht zwei Wochen, sondern zehn Jahre und mehr. Zählt der künftige Papi dagegen zu der Kategorie von Männern, die immer Wichtigeres zu tun haben werden, als sich um die Familie zu kümmern, und die nur wie Satelliten zu Hause vorbeifliegen, wird es für die Mutter nicht einfach. Dann wird nämlich immer sie es sein, die bei der Arbeit fehlt, wenn das Kind mit Bauchweh im Bett liegt oder die Schule zum gemeinsamen Weihnachtsbasteln einlädt.

Schliesslich sollte man die Probleme berufstätiger Eltern auch nicht grösser machen, als sie tatsächlich sind. Die Schweiz ist dank ihren hohen Löhnen dazu prädestiniert, dass Mutter und Vater während der intensiven Kleinkindphase beide zum Nachwuchs schauen und beide teilzeitlich arbeiten, wenn sie das wollen. Das hat, nebenbei bemerkt, auch den Vorteil, dass im Fall einer Scheidung der eine meist nicht jahrelang für den anderen zahlen muss. Eltern sind, das ist der fünfte Punkt, keine Schwerarbeiter, und Elternschaft ist selbstgewählt und keine heroische Leistung, die mit staatlichen Wohltaten abgegolten werden muss.

Zumal staatliche Wohltaten nicht gratis sind. Das gilt auch für den Vaterschaftsurlaub: Er ist, sechstens, ein weiterer Schritt auf dem Weg hin zu einer Gesellschaft, in der die Eltern zunehmend abhängig sind vom Staat und die Behörden im Gegenzug immer mehr Einfluss erhalten. Dieser Umbau ist in vollem Gang und zeigt sich exemplarisch bei der Förderung der Null- bis Vierjährigen, die auf allen Staatsebenen derzeit tüchtig ausgebaut wird. Nur mit professioneller Früherziehung werde die Chancengerechtigkeit gewahrt und könne das Potenzial der Kleinsten ausgeschöpft werden, lautet das Mantra der Bildungs- und Soziallobby. Wer will da schon dagegenhalten?

Geht es so weiter, werden die Krippen bald einmal zu offiziellen Bildungsinstitutionen gekürt und kostenlos sein, die Ganztagesschulen werden zur Norm, und auch während der Ferien steht der Staat für die Kinderbetreuung parat – und die Lohnabgaben und die Steuern und der Konformitätsdruck werden irgendwann so hoch sein, dass Elternpaare gar nicht mehr anders können, als nach ein paar Wochen Babypause Vollzeit zu arbeiten und sich ins Kollektiv einzufügen. Das nennt sich dann moderne Familienpolitik.